“Yo tampoco soy; yo soñé el
mundo como tú soñaste tu obra, mi
Shakespeare, y entre las formas de
mi sueño estabas tú, que como yo
eres muchos y nadie”.
Jorge Luis Borges, 1960[1]
Oktober 2021 bekam ich einen Anruf von Dr. Cornelie Kunkat, der damaligen Leiterin das Projektbüros Frauen in Kultur & Medien beim Deutschen Kulturrat: Bernhard Glocksin, künstlerische Leiter der Neukölln Oper Berlin, hatte sich sofort für mich als Mentee entschieden. Meine Ungläubigkeit hat sich damals mit einem banalen „Äh, Quatsch” am Telefon ausgedrückt.
Zwei Monate später traf ich auf Zoom wie üblich damals in der Coronazeit, meinen Mentor. Diese Treffen verwandelten sich in Gespräche, in denen wir offen unserer Anliegen bezüglich Leitung, Kunst, Musik, Theater, u.a., sprachen. Im Frühling 2022 hatte ich eine neue Arbeit in der Kulturbranche mitten während der Coronapandemie gefunden. Ein Wunder damals. Jedoch war das Ende unserer unterschriebenen Zeit von 6 Monaten als „Mentor-Mentee“ nicht das Ende unseres Austauschs. Es hatte sich jedoch etwas verändert: Es war nicht mehr eine junge Frau und ein erfahrender Mann, die sich trafen, damit sie von seiner Erfahrung lernen kann, um die nächste Station in ihrer Karriere zu bewältigen, sondern es wurden einfach zwei Personen, die sich auf Augenhöhe austauschten, diskutierten und manchmal auch nicht die gleiche Meinung hatten.
Von unseren Gesprächen ist besonders ein Satz vom ihm bei mir in Erinnerung geblieben: „Ich wollte Mentor werden, weil man in ein bestimmtes Alter kommt, indem es immer wichtiger wird, etwas Neues voneinander zu lernen.“
Etwas Neues voneinander zu lernen? Mein Mentor hat mir den Anschub gegeben, um mir damals Neues zuzutrauen. Obwohl ich bereits wusste, dass ich das konnte, war seine Ermutigung Teil meines Selbstvertrauens. Er gibt mir diesen Anschub immer noch. Jedoch kam dieser Schub zu ihm zurück: Er ist auch einen Schritt weitergegangen.
2024 erzählt mir die Person, die ich bis heute als meinen Mentor bezeichnen darf, er ziehe von seiner Position als künstlerische Leiter zurück. 21 Jahren hatte er diese Position inne: Seine Zeit als Führungskraft ist seit ein paar Jahren also volljährig geworden.
Nach allen unseren Gesprächen, gemeinsamen Erfahrungen und mit dieser Zahl im Kopf, 21, habe ich mich gefragt: Was hat er dort bewirkt? Was hat er hinterlassen? Wie hat er die Neuköllner Oper Berlin und seine Kollegen*innen und mich geprägt?
Diese Fragen haben wir uns auch zusammengestellt, jedoch war ich nicht in der Lage, sie zu beantworten: Ich hatte nur die letzten Jahre dieser Kultureinrichtung, das viertes Opernhaus Berlins, nicht nur als Zuschauerin, sondern auch durch die Augen seines künstlerischen Leiters, miterlebt. Ich war bei Proben, Premieren, Premierenfeiern und Diskussionen dabei, jedoch habe ich den täglichen Ablauf nicht mitbekommen. An dieser Stelle lassen wir lieber diese Fragen offen: Andere können sie beantworten. Ich kann aber bestätigen, wie unsere Begegnungen und Gespräche mich geprägt, neue Impulse gegeben und mich in meiner Überzeugung bestärkt haben, dass strukturellen Änderungen in der Kulturbranche möglich und notwendig sind, und dass das Zeigen von Haltung ein wichtiger Teil davon ist.
Marie-Louise Stille ist Theaterwissenschaftlerin und Kultmanagerin. Sie arbeitet aktuell als Manager bei der Künstleragentur “Ekkehard Jung Artists & Projects” in Berlin. Sie war Mentee des Mentoring-Programms des Deutschen Kulturrates (2020-21) und sie ist Gründungsmitglied des Vereins “WAM-Women in Arts & Medien”.
[1] “Auch ich bin nicht; ich habe die Welt erträumt, so wie Du Deine Stücke erträumtest, mein Shakespeare. Und unter all den Formen meines Traumes warst Du, der genauso wie ich, viele und niemand ist”. Spanische Übersetzung: Marie-Louise Stille

