Leseförderung in Deutschland 2026
YVONNE DE ANDRÉS
Deutschland diskutiert wieder über das Lesen. Nicht über Bestsellerlisten oder die Zukunft des Buchmarktes, sondern über eine grundlegende Kulturtechnik. Denn die jüngsten Befunde zur Lesekompetenz sind alarmierend: Rund ein Viertel der Viertklässlerinnen und Viertklässler erreicht nicht das notwendige Ni veau des sinnerfassenden Lesens. Die Erhebung der Internationalen Grund schul-Lese-Untersuchung (IGLU), die Mitte Mai 2026 bundesweit durchgeführt wurde, soll zeigen, ob die seit einigen Jahren eingeleiteten Fördermaß nahmen Wirkung zeigen. Gleichzeitig wandelt sich die Lesekultur tiefgreifend. Kinder lesen nicht weniger als frü here Generationen – sie lesen anders. Es entstehen neue Formen des Lesens zwischen Büchern, Hörformaten, Social Media und digitalen Lernplattformen. Lesen beginnt lange vor der Schule – doch genau dort scheitert das System oft Das Programm »Lesestart 1-2-3« zählt seit Jahren zu den zentralen Instrumenten der bundesweiten Leseförderung. Im Rahmen dessen erhalten Familien kostenlose Buchgeschenke für ihre ein-, zwei- und dreijährigen Kinder. Durch die Verteilung über Kinderarztpraxen und Bibliotheken soll das Vorlesen früh im Familienalltag verankert werden. Die mögliche Einstellung von
»Lesestart 1-2-3« offenbart ein bekanntes Muster deutscher Bildungspolitik: Frühförderung wird rhetorisch gelobt, finanziell jedoch immer wieder infrage gestellt. Gerade mit Blick auf die Ergebnisse des Nationalen Bildungsberichts spricht sich die Stiftung Lesen klar für den Erhalt des Programms aus. Wissenschaft und Praxis sind sich weitgehend einig, dass die Grundlagen der Lesekompetenz lange vor dem ersten Schultag entstehen. Die stille Spaltung: Lesen ist längst eine Frage der Herkunft Kinder wachsen in sehr unterschiedlichen sprachlichen Umwelten auf. In manchen Familien gehören Bücher und Vorlesen zum Alltag, in anderen kaum. Die Stiftung Lesen warnt deshalb vor zu späten Fördermaßnahmen. Wenn Kinder mit Rückständen in die Schule kommen, ist der Abstand oft schwer aufzuholen, so die Stiftung Lesen: »Un gleiche Bildungschancen entstehen früh – oft durch unterschiedliche sprachliche und kulturelle Voraussetzungen im Elternhaus. Vorlesen, Erzählen und der spielerische Umgang mit Sprache sind zentrale Grundlagen für spätere Lesekompetenz. Werden diese nicht früh gestärkt, verfestigen sich Unterschiede.« Die Wissenschaft: Lesen ist mehr als Buchstaben erkennen Die Debatte über Leseförderung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich professionalisiert. Programme wie BiSS-Transfer oder Lese-BiSS setzen auf evidenzbasierte Methoden. Im Mittel punkt stehen Verfahren wie Lautlese- Tandems, Vielleseprogramme oder eine diagnostisch gestützte, individuelle Förderung. Das Ziel ist nicht allein die Leseflüssigkeit, sondern auch das Verständnis komplexer Texte. KI verändert nicht nur das Lesen – sondern die Definition von Lesekompetenz Digitale Plattformen wie Antolin oder Leseo nutzen bereits adaptive Lernsysteme. Künstliche Intelligenz könnte diese Entwicklung weiter beschleunigen, z. B. durch personalisierte Texte, Feedbacksysteme und automatisierte Lernanalysen. Die Stiftung Lesen sieht darin große Chancen für eine individuellere Förderung, betont jedoch zugleich, dass Technologie die pädagogische Begleitung nicht ersetzen kann: »KI kann Leseförderung individuell unterstützen – etwa durch passende Textangebote, Feedback und Diagnostik. Sie kann Fachkräfte entlasten, ersetzt aber nicht die pädagogische Beziehung. Lesen entsteht durch Motivation, Vorlesen, Ge spräche und menschliche Begleitung.« Gleichzeitig betont sie: »KI darf Bildungsungleichheiten nicht verschärfen. Entscheidend ist der Zugang zu Technik, Medienkompetenz und qualitativ hochwertigen Angeboten. Kein digitales System kann die soziale Dimension des Lesens ersetzen.« Deep Reading gegen die Informationsflut Durch KI verändert sich die Frage nach Lesekompetenz grundlegend. Es geht nicht mehr nur um das Verstehen von Texten, sondern auch um ihre Bewertung. Die Stiftung Lesen nennt zwei zentrale Kompetenzen: »Kinder müssen sowohl schnelles Querlesen beherrschen als auch Deep Reading: die Fähigkeit, längeren Texten konzentriert zu folgen, Zusammenhänge zu erkennen, Quellen zu prüfen und Informationen kritisch zu bewerten.« Gerade im Umgang mit KI wird diese Fähigkeit zur Schlüsselkompetenz. Wer KI nutzt, muss schließlich ihre Ergebnis se verstehen, hinterfragen und einordnen können. Die eigentliche Herausforderung bleibt politisch, nicht technisch Die Diskussion über Leseförderung ist somit mehr als nur eine bildungspolitische Debatte. Sie berührt Fragen kultureller Teilhabe, demokratischer Bildung und sozialer Chancengleichheit. Wenn jedes vierte Kind in Deutschland am Ende der Grundschule nicht sicher lesen kann, betrifft das nicht nur die Bildungspolitik, sondern auch die gesellschaftliche Teilhabe. Die Zukunft der Leseförderung ent scheidet sich daher nicht nur in Schulen oder Bibliotheken, sondern überall dort, wo Kinder Sprache erleben: in Familien, im digitalen Raum und in kulturellen Institutionen. Die entscheidende Frage des Jahres 2026 lautet nicht, ob Kinder lesen, sondern ob sie in einer Welt voller Bild schirme, Algorithmen und Informationsfluten Texte wirklich noch durch dringen können.
Yvonne de Andrés ist Kulturmanagerin, tätig für Stiftungen und Botschaften, und Erste Vorsitzende der BücherFrauen.
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Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 7/8 2026


